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Neuroscience 2010 – San Diego

Freitag, 12. November 2010

Der letzte Kongress in diesem Jahr, wieder einer dieser Megakongresse. Teils weit über 30.000 Teilnehmer kommen jährlich zum Annual Meeting der Society for Neuroscience – in diesem Jahr sind es knapp 32.000. Das Flugzeug von Philadelphia nach San Diego ist übervoll mit Posterrollen und Neurowissenschaftlern, die für Vorträge etc. letzte Hand an Powerpoint-Präsentationen anlegen und Artikel lesen…Beinahe 1.000 Postersessions, Vorträge, Workshops und Seminare, insgesamt über 20.000 Beiträge. Mich durch das Programm zu arbeiten, nahm in den vergangenen Tagen 2 Nachmittage in Anspruch.

Es war nur möglich, ein Hotelzimmer in San Diego über die Kongressorganisation zu buchen. Hotels mit Zimmerpreisen unter 200 USD waren dabei für Studenten und Teilnehmern aus Ländern mit geringem Einkommen reserviert. Wir residieren also im Manchester Grand Hyatt direkt neben dem Kongresszentrum. Das hört sich sehr exklusiv an, exklusiv ist aber allenfalls die Lage und die Dimensionen des Hotels, das aus 2 Hochhäusern mit über 1.600 Zimmern besteht und eindeutig bessere Zeiten erlebt hat. Aber vielleicht muss man gar keine besseren Zeiten erleben, wenn immer wieder tausende von Kongressteilnehmern einfach eine Unterkunft benötigen. Dass damit die Preisgestaltung nach oben offen ist, versteht sich von selbst…

Blick aus dem Hotelzimmer bei Nacht und bei Tag:

In der anderen Richtung hat man einen direkten Blick auf den Marinestützpunkt mit u.a. 2 Flugzeugträgern:

Das Hotel (die beiden Hochhäuser im Vordergrund):

Auf der Suche nach einer Magenfüllung lande ich abends noch “zufällig” in einem Jazzclub und dinniere zu guter Musik. Sehr gutes Essen, der Preis hierfür ist aber beinahe so exklusiv wie der für das Hotelzimmer…

Samstag, 13. November 2010

Da das Programm erst am späten Mittag beginnt und ich wegen der Zeitverschiebung (immerhin 3 Stunden) sehr früh aufwache, nehme ich die Fähre nach Coronado, einer Halbinsel in der San Diego Bay, lasse mir am Silver Strand die Seeluft um die Nase wehen und versinke ein wenig im Rauschen des Pazifik. Auf Coronado befindet sich auch eines der touristischen Wahrzeichen der Westküste: Das Hotel del Coronado, laut Reiseführer u.a. das erste Hotel westlich des Mississippi, das mit elektrischem Strom ausgestattet wurde und damit Symbol von Luxus pur.

San Diego von der Fähre aus:

Zurück in San Diego höre ich mir ein Symposium an und wandere durch die Posterausstellung. Die Masse an Postern erschlägt einen. Abends gönne ich mir den Burger, der bei “Auswärtsaktivitäten” mindestens einmal auf dem Speiseplan stehen muss.

Interessant ist, dass ich Deutsche inzwischen “gegen den Wind riechen kann”. Ja, das ist ein ein wenig übertrieben. Aber Kleidung, Gestik, Auftreten etc. lassen oft vermuten, dass da ein Deutscher an mir vorbei geht. Nicht selten stellt sich das als war heraus, wenn es gelingt, im richtigen Moment auf das Namensschild zu sehen. Übrigens auch so manchen Finnen erkennt man gut. Hier ist es eher die Physiognomie.

Sonntag, 14. November 2010.

Ich beginne den Tag mit einem hervorragenden Vortrag. Was steuert die Veränderungen, die mehr oder weniger synchron mit dem Tag-Nacht-Rhythmus einhergehen: Wie erfolgt die Synchronisierung der im Organismus ablaufenden Vorgänge mit dem 24-stündigen Tagesrhythmus und wie werden Schwankungen der Körperemperatur, der Stoffwechselfunktionen, der Vigilanz (Wachheit und Schlaf), Nahrungsaufnahme etc. entsprechend reguliert?

Danach stürze ich mich erneut in die Posterausstellung. Diese ist am ehesten als frustrierend zu bezeichnen. Schon seit einigen Wochen quäle ich mich mit den Gedanken herum, was ich machen möchte, wenn wir wieder nach Deutschland zurückkehren und ich zum überwiegenden Teil von der klinischen Tätigkeit absorbiert werde? Will ich dann weiterhin ein wenig Forschung betreiben oder nicht? Zu welchen Themen? Wie lässt sich dann ein Forschungsengagement, die Einrichtung eines eigenen Labors, Mitarbeiter etc. finanzieren? Mir ist völlig klar, dass ich die systemphysiologischen Methoden, die bisher den methodischen Schwerpunkt meiner Forschung bildeten, nebenbei (d.h. neben einer klinischen Tätigkeit ohne definierte Freiräume hierfür) nicht machbar sind, weil diese viel zu aufwändig, anspruchsvoll und zeitintensiv sind. Schon während meiner Forschungszeit in Göttingen vor ein paar Jahren war es für manche Kollegen nur schwer verständlich, dass man wenn Experimente geplant sind, Tiere hierfür möglicherweise bereits aus der Tierhaltung herausgenommen wurden, andere Mitarbeiter wie eine MTA etc. ihre Tagesplanung entsprechend eingerichtet haben, oder ein Experiment sogar bereits angelaufen ist etc. nicht einfach kurzfristig im Falle eines Engpasses (der in jeder Klinik beinahe ständig besteht) zu klinischen Aufgaben abberufen werden kann. Auch musste ich mir immer wieder den gut gemeinten Ratschlag anhören, die Arbeit doch “einfach” von einem medizinischen Doktoranden erledigen zu lassen. Der wäre alleine zeitlich – in den meisten Fällen wohl auch inhaltlich – völlig überfordert. Die meisten medizinischen Doktoranden wollen schnell, nebenbei und ohne Zeit im Studiumsablauf zu verlieren, ihre Dr.Arbeit durchführen. Maximale Investition ist in der Regel zusätzlich, 1-2x einen mehr oder weniger großen Teil der Semesterferien zu opfern. Ein Semester auszusetzen, ist in der Regel undenkbar. Und ob ich mir zutraue, einen “richtigen” naturwissenschaftlichen Doktoranden zu betreuen, der dann für mehrere Jahre Vollzeit an einem Projekt arbeitet? Aber zurück zum Frustationspotential der Postersession: Naiverweise hatte ich angenommen, dass eine Postersession doch ein optimaler Ort für Inspirationen und Zukunftsvisionen sein könnte. Aber ich muss zugeben, dass – so interessant die meisten Posterbeiträge sind – ich das wenigste wirklich verstehe, geschweige denn eine Idee für eigenen Projekte daraus entwickeln könnte. Interessanter wird es erst am Nachmittag, wo eine Postersession im inhaltlichen Zusammenhang zu meinen vorangegangenen Arbeiten stattfindet. Ich verstehe zumindest einen Teil der vorgestellten Projekte und kann auch mit einigen Kollegen diskutieren. Es ist auch schön, wenn man eine Arbeit entdeckt, die eine eigene Publikation aufgreift und inhaltlich fortführt. Es zeigt, dass man keinen 100-prozentigen Schwachsinn produziert hat und die eigene Arbeit in der Fachwelt wahrgenommen wird.

Montag, 15. November 2010

Erneut Poster über Poster, ein thematisch interessanter, aber einschläfernd präsentierter Vortrag. Danach hat mein Kollege, dann seinen Vortrag über ein Projekt, an dem ich am Rande auch beteiligt war. Ein Symposium, zu dem bei der oben erwähnten Gesamtzahl von Teilnehmern deutlich unter 100 Zuhörer erscheinen, stellt wohl nicht einen der inhaltlichen Schwerpunkte des Kongresses dar…

Abends findet der „DataBlitz“ statt, den mein Chef organisert. Von allen Beiträgen zum Thema der Zirkadianen Rhythmik werden 20 ausgewählt. Die Kollegen haben genau 1 Minute Zeit, um mit einem Powerpointslide ihr Projekt auf den Punkt zu bringen. Der wissenschaftliche Stellenwert ist dabei eher gering, der Unterhaltungsfaktor aber umso größer. Manche versuchen, einfach 4x so schnell zu sprechen, andere schummeln und mogeln eine 2. Folie dazu, werden dann prompt ausgebuht, und wenige schaffen es tatsächlich, in 59 Sekunden ihr Projekt schlüssig vorzustellen.

Dienstag, 17. November 2010

Vormittags ist unser Poster an der Reihe. Es ist nicht wirklich in der richtigen Session gelandet und so finden nur wenige Interessierte zum Poster. Den Nachmittag nehme ich mir frei, fahre mit der Straßenbahn zur Mission San Diego de Alcalá, das erste von 21 Franziskaner-Klöstern, die an der Pazifiküste zwischen San Diego und San Francisco im 18. Jahrhundert gegründet wurden, v.a. um den spanischen Besitzanspruch zu untermauern und die wilden Indianer zu missionieren. Der Glockenturm wurde für spätere Klosterbauten stilgebend. Sogar der damals amtierende Papst war in den 70er Jahren hier. Eine Schule (ursprünglich für Indianerkinder) wird immer noch von Ordensschwestern geführt. Das Kloster selbst ist ganz nett, vergleichen mit ähnlichen Sehenswuerdigkeiten in Europa kann man es aber sicherlich nicht.

Mittwoch, 18. November 2010

Noch einmal einige Poster. Der Tag hat dann deutlich Längen. Ich hätte einen der späten Tagflüge nehmen sollen, warte dagegen aber auf meinen 6ständigen “Übernachtflug”.

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