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Das Labor

So langsam wird es Zeit, auch einmal über meine Arbeit im Labor zu berichten.

Dass wir nun in Philadelphia gelandet sind, ist einem langen Prozess zu verdanken, der über die Jahre ein großes Maß an Eigendynamik entwickelt hatte. Ausgangspunkt war sicherlich mein Wechsel von der Bochumer an die Göttinger Kinderklinik im Jahr 2004 und eine großzügige Freistellung von meinen klinischen Aufgaben zugunsten eines Forschungsprojektes, in dem die Atmungsstörungen beim Rett-Syndrom untersucht wurden (ermöglicht durch eine Förderung der Rett Syndrome Research Foundation). Mein Einsatz für dieses Projekt war gemessen an von der Fachwelt mehr oder weniger beachteten Publikationen recht erfolgreich, so dass sich früher oder später die Frage stellte, wie es nach Auslaufen der Förderung weitergehen sollte. Da traf es sich gut, das ich im Frühjahr 2007 Leszek Kubin kennenlernte, der während seines Sabatticals u.a. auch einige Wochen in Göttingen verbrachte und das Labor besuchte, in dem ich damals arbeitete. Leszek ist Research Professor an der University of Pennsylvania in Philadelphia und leitet eine kleine Forschungsgruppe. Einer Einladung von Leszek nach Philadelphia konnte ich schon wenige Wochen später im Anschluss an einen Kongress der Rett Syndrome Research Foundation in Chicago folgen. Diesen Aufenthalt in den USA nutzte ich auch, um vor meinem Weiterflug nach Philadelphia 2 weitere Arbeitsgruppen in Chicago zu besuchen und deren Labore und Arbeitsbedingungen anzusehen. Einige Monate zuvor hatte ich bei gemeinsamen Arbeiten mit Kollegen in Marseille die Gelegenheit, auch die dortige Arbeitsgruppe kennen zu lernen. Alle 4 Arbeitsgruppen gehören sicherlich zu den bedeutenderen im Bereich der Atmungsphysiologie. Der ganz subjektive und persönliche Eindruck in Philadelphia sprach aber dafür, dass es – wenn überhaupt irgendwohin – nach Philadelphia gehen sollte. Ab dem Herbst 2007 hatte die Klinik mich wieder voll in Beschlag genommen. Es dauerte dann einige Monate, bis ein Antrag auf ein Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft geschrieben war, den Begutachtungsprozess durchlief und letztendlich angenommen wurde. Jakobs Geburt und eine lang ersehnte, mehrmonatige Auszeit vor dem Umzug haben dann den Beginn in Philadelphia noch ein wenig herausgezögert.

Die University of Pennsylvania ist eine der teuersten Privatuniversitäten in den USA. Eltern zahlen für die Ausbildung ihrer Kinder in den ersten Jahren über 50.000$ pro Studienjahr (10 Monate, eine obligatorische Unterkunft auf dem Campus – teilweise in Mehrbettzimmern – inbegriffen). In den Ranking-Listen nimmt die University of Pennsylvania weltweit einen Platz unter den Top 20 ein (je nach Liste auch einen Platz unter den Top 10). Einzelne Einrichtungen wie beispielsweise das Children’s Hospital of Philadelphia  zählen zu den besten des Landes und sind zu tiefst enttäuscht, wenn sie einmal nicht auf Platz 1 im Forschungs- oder Patientenzufriedenheitsranking stehen. An der UPenn lernen, lehren oder forschen zu dürfen, wird als Privileg angesehen.

Mein Arbeitsplatz liegt im Keller des ältesten Gebäudes der Veterinary School, dem Veterinary Medicine Old Quadrangle. Dass ich als Kinderarzt nun in der Tiermedizin gelandet bin, ist für die meisten genauso amüsant wie unverständlich. Letztendlich werden aber in der Tier- und Humanmedizin in der Grundlagenforschung wenn nicht die gleichen, dann zumindest ähnliche Fragen bearbeitet. Leszek’s bisherige Forschungsschwerpunkte sind so auch für die Humanmedizin sicherlich von größerer Bedeutung als für die Tiermedizin. Während in den USA häufig öffentliche Gebäude im Sommer so weit heruntergekühlt werden, dass jeder in unserem Labor seinen privaten Heizstrahler hat, der dann aktiviert wird (natürlich parallel zur arbeitetenden Klimaanlage…), und im Winter so stark geheizt wird, dass man am besten nicht allzu warm bekleidet zur Arbeit kommt, empfing mich der Raum, in dem ich meinen Arbeitsplatz habe und Experimente durchführe mit über Monate konstanten 80-85° Fahrenheit (tja, wir haben inzwischen unzählige Male diverse Converter im Internet  bemüht: Fahrenheit, amerikanisches Pfund, Inch, Meilen, …). Es hat eine ganze Reihe von Heizungs-/Klimaanlagentechnikern gebraucht, bis vor wenigen Tagen einer auf die Idee kam, den Thermostat zu überprüfen… Nun ist es seit 2 Tagen angenehme 73° Fahrenheit warm.

Die Arbeitsgruppe in Kubin’s Lab ist sehr überschaubar und besteht im Wesentlichen neben Leszek (ursprünglich aus Polen) und mir aus einem Assistant Professor (Weißrussland), einer weiteren PostDoc (Georgien), 2 MTAs (China und in 2. Generation Indien) und 2 Studentinnen. Etwas unüblich teilt sich unsere Arbeitsgruppe nicht die Einrichtung eines Großlabors mit anderen Gruppen. Das hat Vorteile (man muss sich nicht mit anderen abstimmen, hat mehr Ruhe beim Arbeiten, hat seinen Arbeitsplatz nicht in einem Großraumbüro, …), aber auch Nachteile (der Austausch mit anderen Arbeitsgruppen und Kontakteknüpfen zu anderen läuft schleppender, Resourcen und Wissen des gesamten Forschungsnetzwerkes sind in der Praxis (nicht in der Theorie) schwerer zu nutzen).

In den ersten Monaten hatte ich die Möglichkeit, molekularbiologische Methoden wie RNA-Extraktion, Reverse Transkription, rtPCR, Agarose-Gel, Westernblot, … zu erlernen. Außerdem haben ich begonnen, in vivo Experimente an narkotisierten und beatmeten Ratten durchzuführen. Untersucht werden Faktoren, die für die zentrale Kontrolle der Atmung, der oberen Atemwege und des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie die Anpassungsmöglichkeiten bei Störungen der Atmung von Bedeutung sind. Mit einem Kollegen (dem Assistant Professor) habe ich inzwischen 2 Kongressbeiträge für größere amerikanische Kongresse im Sommer 2010 angemeldet. Nebenbei finde ich auch ein wenig Zeit, Daten aus alten Göttinger Laborzeiten aufzuarbeiten. Ein gemeinsames Manuskript mit Kollegen aus Marseille, Leeds undLeuven wurde vom Journal of Neuroscience angenommen. Ein weiteres eigenes Manuskript ist halb fertig.

Die Atmosphäre im Labor ist sehr angenehm. Anfang Oktober hat sich das Labor zum Picnic im Ridley Creek State Park getroffen. An Weihnachten sind wir bei Leszek eingeladen.

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