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6 Monate

Ein halbes Jahr ist nun vergangen, seitdem wir im September 2009 nach Philadelphia gezogen sind (s. Der Start in Philadelphia). Kurz vor unserem Umzug lernte Jakob, sich an Gegenständen hochzuziehen. Die vielen Umzugskartons waren natürlich Anreiz genug – v.a. wenn man mit den Eltern wetteifern konnte. Wer ist schneller: Mama und Papa beim Einpacken oder Jakob beim Wieder-Ausräumen?

Seitdem ist viel geschehen:

Wir haben z.B. einen Jahrhundertwinter erlebt. Trotzdem habe ich selten den Frühling, nein besser noch den Sommer, so herbei gesehnt, wie in diesem Jahr. Nicht dass wir hier nordfinnische Temperaturen gehabt hätten (in diesem Jahr mehrere Wochen strenger Dauerfrost teils weit unter -20°C in Nordfinnland). Philadelphia liegt halt doch auf der Höhe Madrids… Der Schnee hat zeitweise vor allem Jakobs und Christines Bewegungsfreiheit eingeschränkt, denn mit dem Kinderwagen / Buggy kam man wegen schlecht geräumter Straßen und Gehwege oft nicht weit. Und waren sie doch geräumt, dann konnte man sicher sein, dass der Schneepflug systematisch und hinterhältigst den Schnee an jedes Ende eines Gehwegs einer jeden Kreuzung geschoben und unüberwindbare Barrieren errichtet hatte… In unserer Wohnung hat es außerdem so gezogen, dass man egal, wo man sich ein wenig aufhalten wollte, immer total auskühlte. Gar nicht auszudenken, wenn wir eine der amerikanischen Durschnittswohnungen bezogen hätten: Einscheibenverglasung ist nicht selten, die amerikanischen Schiebefenster sind bezüglich der Isolation weit entfernt von deutschen Standards, keine oder nur rudimentäre Dämmung… Wir hatten damals auf unserer Wohnungssuche so manches Beispiel gesehen, das seit seiner Errichtung weit zurück im vergangenen Jahrtausend, keine Renovierung erlebt hat. Wir können uns aber wohl noch glücklich schätzen: Wohnen wir doch in einem nur wenige Jahre alten Haus. Doch nun ist er endlich da, der Frühling. Wir haben bei Temperaturen deutlich über 10°C mit Jakob mal wieder lange Zeit auf dem Spielplatz verbracht. Diese Bilder sind damit zum Glück Vergangenheit (so schön sie sind):

Außerdem hat Griechenland einen gewissen Einfluss auf unseren Aufenthalt genommen. Wie das? Im Sog des Griechenland-Bankrott hat der Euro im Dezember begonnen, eine Talfahrt anzutreten: Ende November und Anfang Dezember 2009 erhielt man für 1.000 € kurzzeitig mehr als 1.510 $. Inzwischen waren es zwischenzeitlich sogar unter 1.350 $. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zahlt das Stipendium, von dem wir hier leben, in € aus. Und so finden momentan jeden Monat einige 100 $ weniger auf unser Konto… Man kann allerdings nicht nur Griechenland beschuldigen. Großbanken (allen voran amerikanische, aber auch europäische) haben wohl jahrelang und in großem Stil geholfen, die griechischen Billanzen zu schönen, und sich gleichzeitig gegen eine griechische Staatspleite abgesichert (s. Berichte der Tagesschau vom 15.02.2010 und 25.02.2010). Dass solche weltumspannenden Abläufe einmal direkte Auswirkungen auf unser kleines, eigenes Budget haben könnten – wer hätte das gedacht?

Im Labor sind die Projekte längst angelaufen. In den ersten Wochen habe ich v.a. mit einem Kollgen an einem Projekt gearbeitet, das immerhin 2 Abstracts für Kongresse in New Orleans im Mai und San Antonio im Juni abgeworfen hat. Ich bin bei diesen 2 Kongressbeiträgen zwar „nur“ Coautor, an den Kongressen werde ich aber trotzdem teilnehmen können. Aus diesen Arbeiten entwickelte sich ein weiteres Teilprojekt, das hoffentlich zu einen „eigenen“ Beitrag z.B. für die Neuroscience-Jahrestagung in San Diego im Herbst führt. Meine eigenen anderen Projekte laufen dagegen eher schleppend. Vielleicht sind sie etwas zu anspruchsvoll…

6x war einer von uns in Konzerten des Philadelphia Orchestra. Man erhält hier am frühen Abend vor dem Konzert Karten für 10$, die normalerweise zwischen 40 und 140$ kosten würden. Bei einer durchschnittlichen Auslastung von 60-70% bekommt man also meistens noch eine günstige Karte. Lediglich die Konzerte am Samstag Abend sind oft ausverkauft. Auch wenn Jakob nun „reif“ fürs Babysitting ist, haben wir das bisher nur tagsüber gewagt. Mit seinem Freund Linus verbringt er dann sehr gerne ein paar Stunden. Abends haben wir uns für kulturelle Erlebnisse daher meist aufgeteilt.

Eigene (fremd)sprachliche Fortschritte nimmt man ja selber leider kaum wahr. An manchen Tagen meint man, alle sprachlichen Barrieren endlich überwunden zu haben und sogar den afroamerikanischen Tankwart (gut, ich tanke nicht besonders oft…) zu verstehen. An anderen Tagen dagegen könnte man sich in vielen Situationen glatt in Vietnam befinden… Letztendlich muss man aber unseren Schul-Englischlehrern einfach ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellen – und das gleichermaßen für die mangelhaften pädagogoischen und fachlichen Fähigkeiten. Zugegebenermaßen hat mich Englisch in der Schule nie besonders interessiert und meine glanzlose Karriere in diesem Fach fällt auch in die Zeit, in der die Verhaltensbemerkungen im Zeugnis den Bach hinunter gingen. Trotzdem haben heutzutage Lehrer versagt, die es nicht schaffen, einen halbwegs unbeschwerten Umgang mit der „Fremdsprache“ Englisch zu vermitteln.

6 Monate in den USA bedeutet gleichzeitig auch beinahe 1 Jahr ohne Nachtdienste und Kampf gegen Aktenberge im Sozialpädiatrischen Zentrum sowie Strukturprobleme in der Klinik – denn Ende März 2009 habe ich mich ja aus meiner klinischen Tätigkeit in die bezahlte Elternzeit verabschiedet. Für Christine bedeutet das mit Mutterschutz und Elternzeit inzwischen sogar 1½ Jahre. Den Luxus, ein Familienleben ohne Nacht- und Wochenenddienste gestalten zu können, genießen wir sehr! Und wer hat schon die Freiheit, auch den Morgen langsam angehen und in Ruhe gemeinsam frühstücken zu können? Vor 9 Uhr ist jedenfalls niemand im Labor und es fiel mir nicht schwer, mich diesem Brauch anzuschließen… Trotzden: Ein wenig fehlt mir die Klinik schon. Auch wenn ich mit vielem in der Klinik nicht zufrieden war, die Arbeit hat doch Spaß gemacht und war wichtig.

Waren die Küchenschränke vor 6 Monaten noch voller Geheimnisse, so werden sie heute ganz selbstverständlich in Besitz genommen (v.a. um darin Kekse und Cracker zu essen):

Vor unserem Umzug konnte Jakob sich robbend fortbewegen. In Philadelphia lernte er dann rasch das Krabbeln. Seit Dezember kann er eigentlich auch frei laufen, zumindest hat er immer wieder einmal eine Strecke von 1(-2) Metern frei laufend überbrückt. Allerdings „geht“ er lieber auf den Knien, eine zumindest aus Sicht der Erwachsenen langsame und unbequeme Fortbewegungsart. Die ersten Hosen haben nun Löcher im Bereich der Knie… Vor unserem Umzug wurde Jakob noch überwiegend gestillt. Essen (sofern es nicht süß war und keinerlei Konsistenz aufwies) war ein wirklicher Krampf. Überraschend war dann, dass Jakob die Lauchtorte (!) seiner Oma kurz vor unserem Umzug sehr gut geschmeckt hat (Konsistenz hin oder her). Inzwischen wird er kaum noch gestillt und isst mit einigen Vorlieben (Schokolade, Orange, Birne, Käse, Cracker) beinahe alles. Sogar das Hantieren mit Gabel und Löffel gelingt schon ganz gut.

Jakob liebt Orangen   –   Jakob’s Kniegang

Unser erstes halbes Jahr in den USA verging wie im Flug. Wir sind sehr gespannt auf die nächsten 6 Monate!

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