stettnersinusa

Behördenkram

In Uncategorized on 1. Februar 2011 at 19:56

In den USA gibt es keine Meldepflicht und kein Äquivalent zum Personalausweis. Bei Behördengängen oder anderen wichtigen Angelegenheiten (z.B. auf der Bank) muss man jedoch häufig den Wohnort nachweisen. In der Regel dient hierfür der Führerschein, auf dem auch der Wohnort eingetragen ist. Hat man keinen Führerschein, tritt meist eine lustige Regel in Kraft: Man legt 2 Rechnungen unterschiedlicher Absender mit gleicher Adresse vor und hat auf einmal einen gültigen Wohnsitz. Beste Karten hat man, wenn es sich dabei um z.B. Gas- und Stromrechnungen handelt, die ja tatsächlich gewissermaßen nachweisen, dass man mit der angegebenen Adresse verbunden ist. Man kann allerdings durchaus erfinderisch werden: Eine Rechnung des großen Online-Kaufhauses Amaz… oder ein Adressaufkleber auf einer Zeitschrift reichen im Notfall auch aus. Man hört immer wieder die Geschichten, in denen die argentinische Freundin mit 2 Rechnungen von verschiedenen Onlinekaufhäusern, deren Sendungen an die amerikanische Adresse eines Freundes gingen, einen amerikanischen Wohnort nachweisen konnte…

Wieso berichten wir so ausführlich darüber auf unserem Blog? Wir benötigen eine legale Kopie bzw. Abschrift von Johannas Geburtsurkunde. Geburtsurkunden sind hier etwas aufwändiger gestaltet als in Deutschland, mit eingestanztem Siegel, Wasserzeichen und wärmesensitivem Sicherheitszeichen, das verschwindet wenn man mit dem Finger (oder dem warmen Lichtstrahl des Kopierers) darüberstreicht. Versteht sich von selbst, dass eine private Kopie der Geburtsurkunde strengstens verboten ist… Lange Zeit konnte man mit dieser Geburtsurkunde und ohne Reisepass sogar international reisen. Christine macht sich also auf, um im Philadelphia-Büro der Vital Records eine Kopie der Geburtsurkunde zu beantragen. Sie nimmt als Beweis das Baby Johanna und das Original der Geburtsurkunde mit, außerdem ihren Pass mit eingetragenem Visum und unseren Mietvertrag, der ihren (aber auch meinen) Namen enthält. Ein Scheck über die Bearbeitungsgebühr mit Aufdruck unserer Adresse (aber dummerweise mit meinem Namen, da unser Konto auf meinen Namen läuft) wird ebensowenig wie die letzte Gasrechnung akzeptiert (enthält auch meinen Namen). Mindestens 5 Dokumente tragen also den Namen Stettner und beinhalten die gleiche Adresse, aber nur eines davon – der Mietvertrag – enthält auch Christines Vornamen. Dass dieser auch im Original der Geburtsurkunde in Zusammenhang mit unserer Adresse angegeben ist, zählt nicht, denn die Adresse steht hier unter dem Vornamen Johanna… Nach 1 Stunde Warterei und einigen Diskussionen am Schalter muss Christine also erfolglos abziehen.

Ich breche am nächsten Tag frühmorgens erneut zur selben Behörde auf, um rechtzeitig zum geplanten Experiment im Labor zu sein. Der Blick auf meinen deutschen Pass ruft bereits Sorgenfalten auf der Stirn des Schalterbeamten hervor, der gleichzeitig beginnt, mir zu erklären, dass er die Regeln nicht macht, er aber 2 Rechnungen verschiedener Absender… Wortlos schiebe ich ihm diese über den Tresen (lasse es mir aber nicht nehmen, hierfür u.a. eine Amaz…Rechnung aus dem Jahr 2009 zu verwenden). „Oh man, you know how it works! Great!“ – „Yeah man, we (!) know…“

Übrigens, in diesem Office habe ich keinen Computer gesehen, der Beamte führte eine lange 2-farbige Liste per Hand, in die auch Johannas Name eingetragen wurde, ein Beleg für die 10 Dollar Gebühr (bezahlt mit dem bereits erwähnten Scheck) wurde mit einer kleinen Registrierkasse erstellt, auf dessen Rückseite dann per Hand „Birth Certificate Johanna S…“ geschrieben wurde… Diesen Beleg samt der beiden Rechnungen unwiderruflich mit ordinären Heftklammern zusammengetackert, soll ich dann am Freitag Nachmittag wieder vorlegen, um die Geburtsurkundenkopie zu erhalten. Achja, amerikanische Beamten lieben den Tacker fast so sehr wie deren deutsche Kollegen den Amtsstempel. So werden z.B. Einwanderungsdokumente einfach in den Reisepass getackert…

Für die geschilderte Prozedur musste man übrigens wieder einmal eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen passieren. Und Bezahlen mit Scheck war auch kein Witz. Das wird hier als absolut zeitgemäßes Zahlungsmittel angesehen. Und übrigens, wir befinden uns hier nicht in einem krisengeschüttelten Entwicklungsland, das der Moderne Jahrzehnte hinterher ist… Immerhin ist das Mitbringen von Schusswaffen zum Beantragen und Abholen von Geburtsurkundenkopien nicht erlaubt.

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